Buchrezension:
Wirtschaftsinformatik – Eine Einführung

Franz Lehner, Stephan Wildner, Michael Scholz
Wirtschaftsinformatik
Eine Einführung

2. Auflage
426 Seiten. Flexcover
€ 34,90
ISBN 978-3-446-41572-0

Franz Lehner und die Mitarbeiter seines Lehrstuhls Stephan Wildner und Michael Scholz stellen sich der Herkulesaufgabe eine Einführung in die Wirtschaftsinformatik zu liefern. Auf 426 Seiten beschreiben sie die Wirtschaftsinformatik als Wissenschaft, stellen Forschungsmethoden vor und liefern Einblicke in zahlreiche Teilbereiche der Wirtschaftsinformatik. Zu den angesprochenen Teilbereichen zählen das IT-Management, das Geschäftsprozessmanagement, E-Business und das Wissensmanagement. Auch fehlt dabei eine Einführung in die Betriebswirtschaftslehre und in die Informatik nicht. Ein vollständiges Kapitel widmet sich weiterhin den Informationssystemen in Industriebetrieben. Die Autoren stellen sich dem Anspruch, eine Orientierungshilfe für die vielfältigen Methoden und Forschungsansätze der Wirtschaftsinformatik zu liefern und, wo notwendig, auf weiterführende Literatur zu verweisen. Abgeschlossen wird das Buch mit einer Diskussion über die potentiellen Forschungsthemen der Wirtschaftsinformatik für die kommenden Jahre. Am Ende des Buches befindet sich ein Stichwortverzeichnis zu den meisten Fachbegriffen. Zur Festigung des Stoffs befinden sich am Ende eines jeden Kapitels Aufgaben und Verständnisfragen. Positiv hervorzuheben ist die Tatsache, dass die Autoren fast vollständig auf Fußnoten verzichten und so einen durchgängigen Lesefluss gewährleisten. Der Buch-Cover verspricht zusätzlich: „Für Bachelors geeignet“.

Das Buch macht einen stimmigen Gesamteindruck. Dennoch wird dieser Gesamteindruck durch einige Schwächen getrübt. Dies betrifft zunächst einige wenige Unstimmigkeiten und Auslassungen. So wird behauptet, dass der ASCII-Code 265 Zeichen umfasst. In der Tat sind es nur 128 Zeichen, da der ASCII-Code, im Gegensatz zum hierzulande gebräuchlichen ISO-LATIN-1-Code, nur 7 bit pro Zeichen besitzt. In der Darstellung der Projektorganisation haben die Autoren schlicht die Institution des Lenkungsausschusses vergessen. Im Stichwortverzeichnis sucht man vergeblich nach „Losgröße“, obwohl dieser Begriff auf Seite 74 definiert wird.

Geteilter Meinung kann man auch darüber sein, wie die Autoren die Wirtschaftsinformatik als Wissenschaft vorstellen. Ich halte es für problematisch, einen Studenten derart an das Thema heranzuführen, dass man ihm zuerst die Geschichte der Wirtschaftsinformatik vorstellt, um ihm zugleich die Forschungskonzeption der Wirtschaftsinformatik zu erläutern. In der Wirtschaftsinformatik ist erst die zweite Forschergeneration aktiv, so dass ein historischer Rückblick übertrieben erscheint. Auch kann man bei einer derart jungen Wissenschaft nicht erwarten, dass sich bereits eine durchgängige Forschungskonzeption lehrbuchhaft herausgebildet hat. Das Thema der Forschungskonzeption hinterlässt auch inhaltlich einen schalen Nachgeschmack. Die Autoren begnügen sich damit, verschiedene Quellen zu diesem Thema aneinanderzureihen. Ein roter Faden lässt sich dabei nicht erkennen. Da auch wichtige Begriffe, wie „Induktion“, „Hypothese“ oder „Theorie“ nicht erfolgreich erklärt werden, dürften Studenten mit den hier getroffenen Ausführungen schnell überfordert sein. Das Kapitel würde wesentlich an Verständlichkeit gewinnen, wenn die wissenschaftstheoretischen Aussagen auch von den Autoren durch Beispiele untermauert würden.

An das wissenschaftstheoretische Fundament schließt sich unmittelbar die Erklärung der wichtigsten Grundbegriffe für die Wirtschaftsinformatik an. Die Auswahl erscheint mir gelungen, allein die Umsetzung könnte besser sein. Da es sich bei dem vorliegenden Buch um ein Lehrbuch handelt, würde es ausreichen, den Begriffsinhalt quasi dogmatisch festzulegen. Stattdessen werden uneinheitlich der etymologische Ursprung des Wortes, der Begriffsinhalt, die Begriffsverwendung und weiterführende Theorien zu einer Erklärung zusammengegossen. Diese Art der Begriffsdiskussion verschleiert den wissenschaftstheoretischen Standpunkt der Autoren. Weiterhin scheint es mir unangebracht, für den zentralen Begriff des Modells einerseits ein Lexikon zur Wissenschaftstheorie und andererseits ein Buch über allgemeine Betriebswirtschaftslehre zu zitieren. Hier existiert wahrhaft genug Literatur aus den Reihen der Wirtschaftsinformatik selbst. Der in der Begriffsklärung zu „Modell“ durchlukende ontologische Materialismus mag für die Betriebswirtschaftslehre konsensfähig sein, in der Wirtschaftsinformatik dürften die Autoren damit eine Minderheitenposition einnehmen. Unverständlich bleibt mir auch, warum die Autoren insgesamt drei Anläufe nehmen, um „Daten“ von „Information“ abzugrenzen. Ungeschickt erscheint es, wenn die Autoren zur Erklärung des Informationsbegriffs Rückgriff auf die Semiotik nehmen, um nur wenig später dieses Unterfangen als „theoretische Fingerübung“ ohne Relevanz für die Wirtschaftsinformatik abzutun.

Das größte Verbesserungspotential des Buches liegt allerdings in der Abstimmung von theoretischen Ausführungen und praktischen Beispielen. Ausbaufähige Ansätze sind gegeben, wie beispielsweise der Verweis auf die IT Infrastructure Library im Kapitel zum IT-Management. Weniger gelungen erscheint mir, im Kapitel E-Business auf das Thema „Web-Anwendungen mit Java“ einzugehen. Hier gibt es aus technischer Sicht mit EDI, RFID, RosettaNet, DICOM u.v.m. weitaus interessantere Themenbereiche. Der Verweis auf das Secure Electronic Transfer Verfahren zur Abwicklung von Kreditkartenzahlungen erscheint überholt, da dieses Verfahren mangels Akzeptanz schon vor mehreren Jahren ausgelaufen ist. Auch umgekehrt ist es überaus wichtig, die vorgestellten Klassifikationsschemata, Begriffssysteme und Methoden hinsichtlich ihrer Nützlichkeit zu hinterfragen. Beispielsweise stellen die Autoren ein Klassifikationsschema von Bernd Wirtz aus dem Jahre 2001 vor, welches Geschäftsmodelle des Electronic-Business in die Typen Content, Commerce, Context und Connection einteilt. Merkwürdig, dass das erfolgreichste Unternehmen im Internet, Google, sich in dieses Schema nicht einordnen lassen will.

Das Buch deckt zwar viele Themen der Wirtschaftsinformatik ab, weist aber einige Lücken auf. Informationssysteme in Dienstleistungsunternehmen, Banken und Versicherungen, Projektkostenrechnung, XML, UML, Referenzmodellierung, Requirements-Engineering, Business-Intelligence und Softwarearchitekturen würden das Buch gut ergänzen.

Als Fazit möchte ich festhalten, dass das vorliegende Buch trotz der vorgebrachten Kritik eine lohnenswerte Anschaffung für all diejenigen ist, die in ihrem Curriculum die angesprochenen Themen wiederfinden. Eine Einführung in die Wirtschaftsinformatik zu geben, ist eine fast unlösbare Aufgabe, da dieses Forschungsgebiet bei weitem noch nicht paradigmatisch gefestigt ist. Eine Einführung kann aus diesem Grund immer nur ein Ausschnitt aus dem gesamten Themen- und Meinungsspektrum darstellen.

Frank Schwarz*

*Frank Schwarz ist seit 2005 Absolvent der Wirtschaftsinformatik. Er studierte dieses Fach an der TU Ilmenau, TU Dresden und der Universidad de Zaragoza. In seiner Diplomarbeit beschäftigte sich Frank Schwarz mit den Grenzen der Modellierbarkeit von Informationssystemen. Noch immer verfolgt er die Fortentwicklung der Wirtschaftsinformatik mit großem Interesse.

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